Interview mit Lena G. – „Im Gesundheitswesen geht es nicht mehr um den Menschen, sondern um das Geld“

Gewerkschaftliche Linke Aktivist Thomas hat eine diplomierte Pflegerin in einem Covid-Krankenhaus in Salzburg zum digitalen Interview getroffen. Sie berichtet von Überlastung durch schwierige Arbeitsbedingungen, von der Angst sich zu infizieren aufgrund der fehlenden Schutzausrüstung sowie von einem verschobenen Fokus im Gesundheitswesen: Es geht nicht um den Menschen, sondern um den Profit.

 

Gewerkschaftliche Linke: Liebe Lena. Zunächst danke dafür, dass du dich bereit erklärt hast, mit uns ein Interview zu führen. Vielleicht magst du uns kurz über deinen Werdegang erzählen und was dich am derzeitigen Gesundheitswesen so stört?

 

Lena: Krankenschwester wollte ich schon als kleines Kind werden. Mit 17 nach dem Gymnasium habe ich in die Krankenpflegeschule gewechselt und habe nach meinem Abschluss viereinhalb Jahre auf einer Bauch- und Gefäßchirurgie gearbeitet. Dann bin ich von Tirol nach Salzburg gezogen und habe mich für ein Pflegeheim entschieden. Mich hat das gereizt, weil ich mir gedacht habe, dass man mehr Zeit für die Menschen hat. Sich also näher mit ihnen beschäftigen kann und auch die Beziehung zu den Patient*innen besser ist. Ich habe dann aber auch im Heim schnell gemerkt, dass es im Gesundheitswesen nicht mehr um den Menschen geht, sondern um das Geld. Es geht in jeder medizinischen Einrichtung, egal in welcher ob Pflegeeinrichtung, um Krankenhaus oder Arztpraxis mittlerweile nur ums Geld. Ich will im Gegensatz Zeit haben für die Patient*innen und muss aber immer auf die Uhr schauen, zum Beispiel beim Waschen und mir denken „Ich habe nur noch drei Minuten.“ Es ist auch im Krankenhaus so, dass die Verweildauer der Patienten möglichst kurz sein soll, damit mehr Patienten kommen, um mehr Geld zu machen. Wir haben uns damals im Pflegeheim dafür eingesetzt, dass wir einen Aufnahmestopp machen, weil es schon so viele Dienstausfälle wegen Überlastung gegeben hatte. Uns wurde dann mitgeteilt, dass das nicht möglich sei, weil dann zu viel Geld verloren geht. Jetzt arbeite ich in einem Corona-Spital, dort habe ich vor ein paar Monaten selbt wegen Überlastung hingewechselt.

 

Gewerkschaftliche Linke: Du sagst, dass es ums Geld und nicht um die Menschen ginge. Möchtest du mir sagen, was so die Hauptprobleme sind, die daraus für das Pflegesystem resultieren?

 

Lena G.: Ja gerne. Die Hauptprobleme sind zum einen: zu wenig Personal. Vor allem in Pflegeheimen. Da hat man als Pflegehelferin bzw. auch als Diplomkraft eine Gruppe mit 10 bis 14 Leuten. Im Hauptdienst, wo man als diplomierte Pflegekraft alleine arbeitet, ist man für 50 Personen selbst verantwortlich. Im Nachtdienst ist sonst niemand da und wenn dann eine Person mit 120 Kilogramm aus dem Bett fällt, ist man auf sich allein gestellt. Außerdem muss man die viele Bewohner*innen umliegen, da sie ansonsten einen Dekubitus bekommen. Natürlich haben einige niedrigere Pflegestufen. Aber man muss bis zu 8 Personen waschen, Medikamente verabreichen sowie das Frühstück. Und das in einem Zeitraum von 7 bis halb 11.

 

Teilweise gibt es zu wenige Schulungen. Man bekommt zwar die Möglichkeit auf solche Schulungen, oft gibt es zu wenig Plätze. In meinem vorherigen Job in Tirol wollte ich eine Kinästhetik-Schulung besuchen. Da hätte man rückenschonendes Arbeiten lernen können.  Mir wurde allerdings gesagt, dass ich Platz machen solle für eine ältere Pflegekraft, weil ich eh noch so jung sei.

 

Zwar glaube ich, dass wir relativ gut verdienen, aber unser Gehalt ist zu wenig für die Leistung, die wir erbringen. Ein Politiker bekommt vergleichsweise 10.000€ und die machen uns teils das Leben schwer. Ich hingegen versorge Menschen und rette Leben und jeder kann davon mal betroffen sein. In Tirol war das noch schwieriger als hier in Salzburg. Da hattest du weniger Grundgehalt um ca. 300 bis 400€.

 

Und ein weiteres Problem ist die Überlastung. Viele sind dadurch im Krankenstand und sogar auch im Langzeitkrankenstand. Und diese Personen werden dennoch vollzählig in den Dienstplan gerechnet und das aber ohne Ersatz. Und das müssen die verbliebenen hereinholen. Katastrophal sind natürlich auch die ganz normalen Dienstpläne. Da hat man drei Nächte am Stück, einen Ausschlaftag, einen Tag Pause und dann geht es wieder zurück in den normalen Dienst mit drei 12-Stundenschichten am Stück.

 

Gewerkschaftliche Linke: Du sagst, dass die Arbeitszeiten zu einer Überlastung oder einem Burn-Out führen können. Gleichzeitig bemängelst du den Personalmangel. Liegt es unter anderem daran, dass der Pflegeberuf nicht attraktiv genug ist, ganz egal welcher Pflegeberuf?

 

Lena: Der Pflegeberuf ist viel zu wenig attraktiv in meinen Augen. Attraktiver kann er gemacht werden, indem man den Pflegenden mehr Geld bietet und mehr Zeit. Vor allem mehr Zeit für die Patient*innen. Jetzt mit der Corona-Situation gilt die 15-Minuten-Regel, damit so die Ansteckungsgefahr für einen selbst minimiert wird. Nur sollte es nicht immer so sein. Manche Menschen brauchen mehr Zeit und für manche Menschen braucht man mehr Zeit. Auch braucht es attraktivere Dienstpläne. Die 12-Stunden-Dienste sind ok. Aber jemanden mit 50 Patienten im Nachdienst alleine arbeiten zu lassen, ist sehr gefährlich und fahrlässig. Auch die Ausbildung gehört reformiert, die Hälfte in meiner damaligen Klasse war noch ohne Matura. Das neue System nach Bologna ist absoluter Schwachsinn. Ich hocke bald vor einem PC, schaue mir Wundbilder an und delegiere an eine Pflegefachassistenz, was für einen Verband sie adjustieren soll. Da geht der Kontakt zum Menschen selbst verloren. Zusätzlich sollte man in der Ausbildung mehr verdienen. Ich habe damals im ersten Jahr gerade einmal 99€ erhalten.

 

Gewerkschaftliche Linke: Es gilt also mehr Menschen in die Pflege zu holen, damit man eine Arbeit hat, die mehr Zeit Leben lässt. Würde eine Arbeitszeitverkürzung im ersten Schritt auf 35 Stunden pro Woche mehr Menschen, plump gesagt, in die Pflege locken?

 

Lena: Sehr wahrscheinlich, aber nur auch in Kombination mit einer Rücknahme des Gesetzes, dass wir bis zu 60 Stunden die Woche arbeiten dürfen, müssen und sollen. Und da müssten wir aufs Monat gesehen weniger arbeiten, aber dazu müsste die Maximalarbeitszeit einmal gesenkt werden.

 

Gewerkschaftliche Linke: Nun haben ja die Gewerkschaften vida und GPA-djp am ersten April ihr Verhandlungsergebnis präsentiert. Die Verkürzung der Arbeitszeit auf 35 Stunden wird jetzt nicht angegangen, stattdessen gibt es erst in drei Jahren eine Arbeitsstunde weniger. Die Beschäftigten dort erhalten einen Corona-Bonus von einmalig 500€. Wie stimmt es dich, dass du aber von deiner Gewerkschaft der GÖD nicht einmal ansatzweise Derartiges hörst? Was würdest du dir wünschen und wie kommentierst du das Ergebnis?

 

Lena: Ich habe das gehört und habe mir am Anfang gedacht, es ist lächerlich, dass man einen 500€-Coronabonus bekommt, weil man sich ja da in Gefahr begibt. Ich habe ständig das Risiko, mich zu infizieren. In meinem Fall gibt es zu wenig richtige Ausrüstung und selbst diese darf nur in bestimmten Fällen verwendet werden. So geh ich arbeiten und trage aber das Risiko, mich jederzeit zu infizieren. Ich habe außerdem Menschen bei mir daheim, die in der Risikogruppe sind. Die können einen schweren Verlauf bekommen und 500€ dafür sind ein Witz. Schlimmer noch – ich bekomme das nicht einmal, da das nur für Pflegekräfte in privaten Institutionen gilt. Da gibt es auch nichts dergleichen von unserer Gewerkschaft. Wir bekommen nichts und begeben uns und unsere Angehörigen in ein irrsinniges Risiko. Ich verstehe nicht, was das soll. Auch die 500€ sind zu wenig.

 

Und meine Gewerkschaft macht offenbar schlechte, politische Arbeit. Ich habe vor unserem Gespräch nicht einmal gewusst, dass die GÖD überhaupt meine Gewerkschaft ist. Ich bekomme nichts mit, ob die irgendetwas fordert. Auf der Internetseite habe ich dann recherchiert und da steht auch nichts drin, dass das Personal irgendeine Vergütung bekommen würde.

 

Gewerkschaftliche Linke: Es gibt zu wenig zu wenig Schutzausrüstung, zu wenig Testungen und immer wird davon berichtet, dass Intensivbetten zur Neige gehen könnten. Außerdem sind manche Menschen sorglos, weil sie ja nicht zur Risikogruppe gehören. Woher kommt diese Schieflage in unserem Gesundheitssystem? Sollten da nicht alle Menschen im Mittelpunkt stehen?

 

Lena: Es gibt definitiv zu wenig Schutzausrüstung. Wenn ich ehrlich sein darf, ist uns am Anfang, als wir zum Covid-Haus wurden, offenbart worden, dass unsere persönliche Schutzausrüstung aus einem OP-Mund-Nasenschutz bestehen wird. Das ist die dieselbe Maske, die die Bevölkerung derzeit zum Einkaufen trägt und er schützt selber nicht vor einer Infektion. Er dient dazu, dass ich im Falle einer Infektion selbst niemanden infizieren kann. Das ist dann aber nicht unmöglich, aber weniger der Fall. Zudem haben wir Handschuhe und einen Plastikschutz bekommen. Unsere PSA wurde nur geändert, aber nur weil das Personal protestiert hat. Wir bekommen jetzt FFP2-Schutzmasken. FPP3 bekommen wir nur beim Absaugen, wenn mehr Ärosole produziert werden. Der Plastikschutz bleibt, der schützt aber weder Unter- noch Oberarme. Diese Plastikschürze ist kontraproduktiv. Zusätzlich haben wir eine OP-Haube und eine Schutzbrille bekommen. Es heißt immer, es gibt zu wenig, aber da muss das Land Salzburg zum Beispiel auch Schutzmäntel bestellen. Ich stellte dann der Stationsleitung die Frage, wie ich meine Familie und meinen Ehemann schützen soll. Die einzige Antwort, die ich bekam war: „Abstand halten!“ Klar kann ich mir das Virus auch im Billa holen, aber das Risiko ist auch da, wenn ich so eine mangelhafte Schutzausrüstung tragen muss.

 

Es werden ja auch zu wenig Testungen gemacht. Vielleicht sind sie flächendeckend nicht sinnvoll. Man kann ja von einem auf den anderen Tag positiv werden aufgrund der Inkubationszeit. Aber es wurden ja auch Leute mit Symptomen schon abgewiesen. Aber auch bei Schutzausrüstungen und Testungen geht es nur ums Geld und nicht um den Menschen, da geht es nur um den Profit. Diese Schieflage kommt daher, dass der Fokus im Gesundheitswesen völlig verschoben ist. Der Mensch ist bei einem profitbasierten System nicht im Mittelpunkt, wie ich ja auch in meinem Eingangsstatement gesagt habe.

 

Gewerkschaftliche Linke­: Gehen wir noch einmal auf die Schutzausrüstung ein. Das Problem ist ja auch hier der Profit, der im Vordergrund steht. FFP2-Schutzmasken sind seit der Covid-Pandemie um 3000% teurer geworden. Die deutsche Linkspartei hat daraufhin den Vorschlag gemacht, dass solche Schutzmasken beschlagnahmt werden sollen vom Staat. Findest du das eine legitime Maßnahme?

 

Lena: Wenn so etwas der Hamsterei entgegenwirkt, dann finde ich es gut. Auch wenn es um die horrenden Preise geht. Wenn man so sicherstellen kann, dass es für das Personal genug Schutzausrüstung gibt, dann ist das berechtigt. Und ich betone noch mal: Wir haben zu wenig Schutzausrüstung.

 

Gewerkschaftliche Linke: Wie sind die Arbeitsbedingungen sonst unter Covid-19, mal abgesehen von der fehlenden Schutzkleidung?

 

Lena: Bei uns hat sich durch mangelnde Schutzausrüstung auch schon Personal infiziert. Viele Menschen mit Covid haben wir nicht, also warten wir derzeit eigentlich nur. Von wirklichen veränderten Arbeitsbedingungen kann ich also abgesehen von der Schutzausrüstung nicht sprechen.

 

Gewerkschaftliche Linke: Was sagst du zu den Ausgangsbeschränkungen der letzten Wochen sowie zur Lockerung am 14. April?

 

Die Ausgangsbeschränkungen waren meiner Meinung nach zu locker. Es hätte wie in Tirol eine Sperre geben sollen. Die Lockerung am 14. April ist zu früh – klar die Zahlen sinken, nur wenn man die Anstürme auf die Lagerhäuser und Baumärkte sieht, dann kann das durchaus ein neuer Infektionsherd werden. Und viele Waren sind dort auch nicht wirklich lebensnotwendig. Man hätte eigentlich, alle nichtlebensnotwendigen Arbeiten einstellen müssen. Ich stelle mir da schon die Frage, weshalb etwa nicht die Bauindustrie schließt oder aber auch die fertigende Industrie. Gerade da kann man ja oft den Mindestabstand von einem Meter kaum einhalten. Da steht aber auch wieder das Geld im Vordergrund. Ich vermute, dass nächste Woche die Zahlen wieder steigen werden.

 

 

Gewerkschaftliche Linke: In den letzten Jahren wurde immer wieder Ruf nach Spitalsschließungen laut. Allen voran waren da der Rechnungshof, die OECD, die ÖVP, die NEOS, die FPÖ – und auch in Tirol und der Steiermark haben die Grünen und die SPÖ solche Pläne vorangetrieben. Was hältst du von derartigen Vorhaben?

 

Lena: Die Spitalsschließungen kann ich mir so erklären, dass die Verweildauer von den Patient*innen noch geringer wird und der Profit so für die übrigen Krankenanstalten steigt. Mit Argwohn betrachte ich auch, dass private Krankenhäuser dann den Gewinn lukrieren – solche Schließungen gelten ja nicht für Privatanstalten. Die Gesundheitsvorsorge muss aber für jede*n da sein, ob zahlungskräftig oder nicht. Dieser Trend begünstigt auch ein weiteres Abgleiten in die Zweiklassenmedizin, die wir schon haben.

 

Gewerkschaftliche Linke: Bleibt abschließend noch die Frage: Welche Veränderungen wünscht du dir für das Gesundheitswesen? Gerade ist es ja so, dass dieser Bereich sehr viel Aufmerksamkeit bekommt.

 

Lena: Veränderungen braucht es in dem Sinn, dass man mehr Zeit zur Verfügung hat. In Pflegeheimen für die Bewohner*innen, im Krankenhaus für die Patient*innen. Und im Endeffekt bedeutet das auch mehr Personal. Die Arbeitszeitverkürzung wäre toll und jene Anerkennung, die wir jetzt von den vielen Dankeschöns bekommen, soll sich auch im Gehalt niederschlagen.

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