Der 1. Mai einst & jetzt

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1890 wurde erstmals international an einem Tag gemeinsam für die Rechte der Arbeiter:innen auf die Straße gegangen, Obwohl zunächst lediglich der 1. Mai 1890 im Fokus stand, entwickelte sich dieser Tag zu einem dauerhaften internationalen Symbol und Feier- sowie Aktionstag der Arbeiterbewegung. Im Folgenden eine kurze geschichtliche Übersicht über den Ursprung und die Entwicklung des 1. Mai, eingeteilt in vier Epochen.

Die Anfänge des 1. Mai

Die Wurzeln des 1. Mai liegen in den USA. Dort begann am 1. Mai 1884 ein groß angelegter Generalstreik mit dem Ziel, die tägliche Arbeitszeit auf acht Stunden zu verkürzen. Das Datum wurde nicht zufällig gewählt: Traditionell galt der 1. Mai als „Moving Day“, ein Tag, an dem alte Arbeitsverträge ausliefen und neue abgeschlossen wurden – eine ideale Gelegenheit für die Arbeiterschaft, bessere Bedingungen durchzusetzen.

Zwei Jahre später, im Mai 1886, fanden erneut Generalstreiks statt, die jedoch von heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei überschattet wurden. Diese Streiks mündeten schließlich in den Beschluss auf einem Gewerkschaftskongress in St. Louis im Dezember 1888, den 1. Mai 1890 wieder als großen Aktionstag zu nutzen. Dieses Datum markiert den Beginn des internationalen 1. Mai als Kampftag der Arbeiterbewegung. Am 14. Juli 1889 kamen in Paris sozialistische Gewerkschaften und politische Parteien aus allen Teilen der Welt zusammen. Ziel war es, eine gemeinsame Linie für die weltweite Arbeiterbewegung zu finden. Dabei schloss man sich den Plänen des amerikanischen Arbeiterbundes an, der für den 1. Mai 1890 zu Demonstrationen aufrief. 

Auch in Österreich wurde der erste Mai-Aktionstag 1890 begangen. In verschiedenen Städten fanden Demonstrationen für den Achtstundentag und das allgemeine Wahlrecht statt. Insbesondere in Wien versammelte sich eine beeindruckende Anzahl an Arbeiter:innen, die der traditionellen „Corsofahrt“ der Aristokratie den Rang abliefen – diese wurde wegen der Maikundgebungen sogar abgesagt. Damit eroberte die Arbeiterbewegung symbolisch jenen öffentlichen Raum, der bis dahin vornehmlich dem Bürgertum und Adel vorbehalten war. 

Ab 1892 fanden die Maiaufmärsche unter der Organisation der Sozialdemokratischen Partei ihren Höhepunkt auf der Wiener Ringstraße. Zeitgleich hielt auch die Kommunist:innen) ihre Veranstaltungen ab, die zunehmend Verbreitung in weitere Städte und ländliche Gebiete fanden. Also schon vor dem Ersten Weltkrieg gewannen diese Versammlungen an Bedeutung und wurden zu einem kräftigen Ausdruck der wachsenden Solidarität und Selbstbewusstheit der Arbeiter:innenbewegung.

Die Vereinnahmung und Pervertierung des 1. Mai

Etwa vier Jahrzehnte nach seiner Einführung wurde die ursprüngliche Idee des 1. Mai während des Austrofaschismus gezielt unterdrückt und umgeformt. Unter der Regierung von Engelbert Dollfuß wurden Maidemonstrationen und Kundgebungen verboten. Doch selbst unter diesen repressiven Bedingungen ließ sich die Arbeiter:innenschaft nicht unterkriegen: Sie organisierten alternative Feiern, kleinere Märsche und symbolträchtige Aktionen wie das Aufhängen roter Bettlaken anstelle verbotener Fahnen.

Ein Jahr später versuchte die Regierung, den 1. Mai durch die Ausrufung eines „Gedenktages für die austrofaschistische Verfassung“ für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. Doch auch dieses Ansinnen scheiterte. Die Arbeiter:innenbewegung verweigerte die Teilnahme an solchen Inszenierungen und Kommunist:innen organisierten trotz Verbots weiterhin illegale politische Kundgebungen – ein mutiger Akt des Widerstands in Wien und anderen Teilen Österreichs.

Während der NS-Zeit wurde der 1.Mai von den Nationalsozialisten vereinnahmt und zum „Tag der deutschen Arbeit“ umgedeutet. Seine ursprüngliche Bedeutung als Kampf- und Feiertag der Arbeiterbewegung wurde dadurch verfälscht und durch propagandistische Großveranstaltungen ersetzt, bei denen Arbeiter:innen unter massiver Kontrolle von SA und SS zur Teilnahme gezwungen wurden. Diese Transformation diente allein der Selbstdarstellung des Regimes und ließ die tatsächlichen Anliegen der arbeitenden Bevölkerung ins Leere laufen. Der Titel „Tag der nationalen Arbeit“ verstärkte diesen Zynismus noch.

Umso essenzieller ist es, den 1. Mai nicht als „Tag der Arbeit“ zu begreifen, sondern als Tag der Arbeiter:innen – ein Symbol für den gemeinsamen Kampf um gesellschaftliche Rechte und Errungenschaften.

Die Neuorientierung nach 1945 

Nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes konnte der 1. Mai in Österreich wieder als Kampf- und Feiertag der Arbeiterbewegung etabliert werden. Bereits 1945 fanden erste Maifeiern statt, organisiert von dem neugegründeten ÖGB mit Unterstützung von Arbeiter:innen aus SPÖ, KPÖ und ÖVP. In Deutschland übernahmen die Gewerkschaften auch weiterhin geschlossen die Verantwortung für die 1.-Mai-Aktivitäten, während in Österreich bald ein Bruch innerhalb der Arbeiter:innenbewegung entstand. Unter dem Einfluss des Kalten Krieges und der beginnenden Fraktionierungen im ÖGB demonstrierten  ab  1946 SPÖ und KPÖ getrennt. Bemühungen eine gemeinsame Tradition unter der Schirmherrschaft des ÖGB scheiterten.

International war die 1.Mai-Kampfbewegung nicht mehr wegzudenken. Der Druck war zum Beispiel so groß, dass er auch den Vatikan zu einer Reaktion zwang: 1955 erklärte Papst Pius XII. den Tag zum kirchlichen Gedenktag „Josef der Arbeiter“. 

In Österreich allerdings begann der Tag, insbesondere im sozialdemokratischen Kontext, langsam seinen kämpferischen Charakter zu verlieren. Mit der zunehmenden Regierungsbeteiligung der SPÖ wurde er immer mehr zur Bühne für politische Selbstinszenierungen und das Feiern sozialpartnerschaftlicher Erfolge. Im Gegensatz dazu hielten linke Bewegungen, vor allem die KPÖ, am protestbetonten Symbolcharakter fest.

In kommunistisch regierten Ländern diente der 1. Mai oft zu Propagandaaufmärschen gegen den Westen. Gleichzeitig behielt der in rechtsautoritär regierten Staaten wie der Türkei seine Funktion als Tag des Widerstands gegen unterdrückerische Regime bei.

Neue Dynamiken seit 1968  

Die Protestkultur rund um den 1. Mai erfuhr seit den späten 1960er Jahren einen Wandel. Ausgelöst durch die globale Aufbruchsstimmung der Zeit, kritisierten Jungsozialist:innen, Intellektuelle und antiautoritäre Bewegungen zunehmend den schrumpfenden Inhalt der Feierlichkeiten. Sie forderten eine Modernisierung des Diskurses und eine stärkere Fokussierung auf zeitgenössische soziale und politische Herausforderungen. Besonders in den 1970er Jahren fanden diese Forderungen Widerhall bei weiteren linken Gruppierungen, die den Tag wieder aktiver und kämpferischer gestalteten.

Im sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Bereich wurde dem jedoch nur punktuell Rechnung getragen, wie etwa durch zentrale Mai-Demonstrationen in Wien. Gleichzeitig wichen traditionelle Protestformate in vielen Regionen festlicheren Veranstaltungen, etwa Bierzeltfesten oder Maibaumkraxeln, wodurch der Protestcharakter verblasste.

Uneinigkeit gibt es unter den Linken – das zeigt In Wien. Hier gibt es neben dem SPÖ-Aufmarsch zeitversetzt zwei weitere, jenen der KPÖ-nahen Organisationen und jenen der Komintern-Nahen. Anders In Innsbruck: hier schaffen es seit Jahrzehnten über 20 Organisationen, hinweg über sonst mach politischer Auseinandersetzung, einheitlich ein farbenfrohes und solidarisches Zeichen der Arbeiter:innenklasse zu setzen. Dieses Beispiel zeigt, dass der Geist des 1. Mai nach wie vor lebendig sein kann.

Gefährdung des 1. Mai als Feiertag  

Abschließend, der 1. Mai als Kampf- und Feiertag hat sich in seiner langjährigen Geschichte im Leben der Menschen etabliert, aber er kann trotzdem in Gefahr geraten. Das zeigt die aktuelle Unionsdebatte in  Deutschland – wo etwa die Streichung des 1. Mai als gesetzlicher Feiertag unter dem Vorwand einer „Sparmaßnahme“ in Zweifel gestellt wird.

Beitrag von Josef Stingl auf einer GL-Veranstaltung am 26. April in Innsbruck

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