Pflege in Tirol und Vorarlberg: Eine Zukunft ohne Zukunft?
Die Arbeit im Pflegebereich ist anspruchsvoll. Sie ist geprägt von hohem Zeitdruck, Personalmangel und belastenden Schichtdiensten. Der Beruf erfordert sowohl schwere körperliche Anstrengungen, als auch eine starke psychische Belastbarkeit. Diese Herausforderungen führen häufig zu Überlastung.
Die steigende Zahl pflegebedürftiger Menschen, enge und gekürzte Pflegeschlüssel sowie unzureichende staatliche Fördermittel verstärken zudem die Arbeitsdichte erheblich. Auch Schichtarbeit, Wochenenddienste und kurzfristiges Einspringen für Kollegen verschärfen die ohnehin fragile Work-Life-Balance. Das Gehalt – trotz vorhandener Zulagen – wird von vielen in Relation zur hohen Arbeitsbelastung als unzureichend empfunden.
Zwei Studien der Arbeiterkammer (AK) in Vorarlberg und Tirol geben dazu ein erschreckendes Bild ab:
In einer aktuellen Untersuchung der AK Vorarlberg wurden Bedienstete von Landeskrankenhäusern sowie private Pflege- und Betreuung befragt. Insgesamt wurden 4.067 Fragebögen versandt, von denen rund 41,2 Prozent beantwortet wurden. Die Ergebnisse sind alarmierend: Jede:r achte Beschäftigte weist ein erhöhtes Burnout-Risiko auf und 14 Prozent der Befragten fühlen sich mindestens einmal wöchentlich emotional ausgelaugt. 37,2 Prozent berichten, dass sie sich mindestens einmal pro Woche bis täglich nach der Arbeit „verbraucht“ fühlen. Fast jeder Fünfte denkt daran, den Beruf zu verlassen – dies gilt sowohl für Pflegekräfte als auch für medizinisches Personal.
Wie außergewöhnlich hoch die Belastung ist, zeigt sich daran, dass diese Ergebnisse bereits bei einem hohen Anteil an Teilzeitarbeitskräften (38,1 Prozent) deutlich werden. Es stellt sich die Frage, wie dramatisch die Lage wohl aussähe, wenn alle Beschäftigten Vollzeit arbeiten müssten.
Auf die Frage, ob sich die Arbeitsbedingungen verbessert haben, antworteten nur 13 Prozent mit „ja“, während mehr als die Hälfte der Befragten angab, dass sich kaum oder gar nichts verändert habe. Mehr als zwei Drittel (68,3 Prozent) klagten darüber, dass sie ständig mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigen müssen, und 61 Prozent leiden unter immensem Zeitdruck.
Zwei Jahre zuvor – in Tirol – ein ähnliches Bild:
Bereits im Jahr 2024 hat die AK Tirol eine ähnliche Studie zur damaligen Arbeitssituation in der Pflege durchgeführt. Wie nun deutlich wird, waren die Ergebnisse damals bereits ernüchternd und ähneln den aktuellen Erkenntnissen: 61,8 Prozent gaben an, dass sich die Arbeitsbedingungen in den zehn Jahren zuvor verschlechtert hatten. Von den Beschäftigten mit mehr als zehn Jahren Berufserfahrung sagten sogar 34,4 Prozent, dass die Arbeitssituation schlechter geworden sei. Besonders besorgniserregend ist, dass fast ein Drittel (28,8 Prozent) der Befragten betonte, sie würden selbst nur ungern in ihrer eigenen Einrichtung medizinisch versorgt werden wollen.
Und wie sieht die Zukunft aus? Die Antworten auf diese Frage sind wenig hoffnungsvoll: Über 70 Prozent der Befragten sind überzeugt, dass sich die Lage im Pflegebereich weiterhin verschlechtern wird. Lediglich 6 Prozent glaubten an eine Verbesserung der Bedingungen.
Wertschöpfung der “Held:innen der Arbeit” ist bescheiden:
Pflegekräfte und Gesundheitspersonal werden nicht ohne Grund oft als „Held:innen des Alltags“ bezeichnet. Doch ein Blick auf die Ergebnisse beider Studien reicht aus, um zu erkennen: Von den Verantwortlichen auf Bundes- und Länderebene bleibt von dieser Wertschätzung ein paar nette Worte und vielleicht Applaus.
Der Vergleich beider Untersuchungen zeigt überdeutlich auf, dass sich weder bei der Arbeitsbelastung noch bei der Bezahlung eine Verbesserung abgezeichnet hat. Stattdessen mussten sowohl Beschäftigte der Sozialwirtschaft als auch jene im öffentlichen Sektor in den Jahren 2025 und 2026 weiterhin Reallohneinbußen hinnehmen – quasi der „Dank“ für ihre herausragenden und dringend notwendigen Leistungen … ber das ist eine andere Geschichte.
Josef Stingl
